Ganz weit draussen, am Ende des Regenbogens werde ich auf Dich warten. Und
wenn Du dann endlich kommst, werde ich sitzenbleiben mit verschränkten
Armen über den Knien. Damit Du nicht zu früh erfährst, mit
welcher Sehnsucht ich Dich erwartet habe.
Wer immer Du sein magst.
(Norbert Esser)
Auf Grund meiner langjährigen Tätigkeit, die ich seit 1985 als
Diplom-Sozialarbeiterin in einer anerkannten Adoptionsvermittlungstelle
ausübe, bin ich vertraut im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die
in Adoptiv - und Pflegefamilien leben.
Adoptivkinder sind Kinder, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen.
Sie bekommen neue Eltern. In vielen Fällen sind es Säuglinge,
die direkt nach der Geburt in eine Adoptivfamilie vermittelt werden. Aber
auch ältere Kinder, die möglicherweise schon lange Zeit in einer
Pflegefamilie leben, können adoptiert werden, wenn die Voraussetzungen
dafür gegeben sind. Die Vermittlung der Adoptivkinder erfolgt nur durch
anerkannte Adoptionsvermittlungsstellen.
Um die Aufnahme eines Adoptivkindes bewerben sich in der Regel ungewollt
kinderlose Ehepaare. Diese werden in der Regel bei den anerkannten Adoptionsvermittlungsstellen
durch Kurse auf ihre Aufgabe vorbereitet und so mit den Bedingungen, Gegebenheiten
und Besonderheiten einer Adoption vertraut gemacht.
Der Säugling, der von der leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben
wird, erlebt in den überwiegenden Fällen direkt nach der Geburt
eine sofortige Trennung von der Mutter. Damit einher geht eine totale Irritation
des Kindes. Es kann keine Verknüpfung herstellen zu den bisher gemachten
Sinneseindrücke wie z.B. den Herzschlag, den Geruch, die Stimme der
Mutter. Somit hat es nichts mehr, was ihm Sicherheit gibt. Diese frühe
Trennung wird von vielen Adoptivkindern als Bruch und anhaltender Trennungsschmerz
beschrieben. Kinder die so empfinden, kommen erst zur Ruhe, sobald eine
Verknüpfung zu den vorgeburtlichen Wahrnehmungen nachgeholt worden
ist. Dies geschieht in vielen Fällen zum Zeitpunkt der Pubertät,
wenn die Frage nach den Wurzeln, der Herkunft Priorität bekommt. Ein
direkter Kontakt zur leiblichen Mutter kann zu diesem Zeitpunkt hilfreich
sein. Viele Adoptiveltern entwickeln dann, wenn es zu einem Zusammentreffen
kommt Bedenken, dass sie ihr Kind an die leibliche Mutter verlieren könnten.
Dabei sollte jedoch bedacht werden, dass eine stabile Bindung und Beziehung,
die über viele Jahre hinweg auf gegenseitigem Vertrauen, Wertschätzung
und vorbehaltloser Annahme begründet ist, nicht dadurch beeinträchtigt
wird.
Adoptivkinder
sind "Traumkinder in der Realität", so der Titel eines Buches.
Sie werden von ihren Adoptivfamilien erwünscht und ersehnt. Gleichzeitig
werden sie oftmals unbewusst mit einer Hoffnung belegt, die eigentlich dem
leiblichen Kind zugedacht war. Im Wechselspiel zwischen mütterlicher
und väterlicher Erwartung und Hoffnung und dem tatsächlichen Erleben
der individuellen Persönlichkeit des Kindes, können sich differenzierte
Probleme ergeben. Zum Beispiel dann, wenn die Entwicklung des Kindes anders
verläuft, als es sich die Adoptiveltern vorgestellt haben. Dies wiederum
kann sich auf den Bindungs- und Beziehungsaufbau auswirken. Vor der Aufnahme
eines Adoptivkindes ist es deshalb von großer Wichtigkeit, die eigene
Motivation und die Beweggründe zu überprüfen, die ausschlaggebend
für den Kinderwunsch sind. Ebenso wichtig ist es, sich von dem leiblichen
Kind zu verabschieden, indem die Kinderlosigkeit ‚betrauert' und verarbeitet
wird. Unterschiedliche Rituale und methodische Vorgehensweisen können
dabei hilfreich und entlastend sein, wie auch die Teilnahme an einem Gesprächskreis
für ungewollt kinderlose Paare.
Die Adoptionsfreigabe eines Kindes stößt auch heute, in einer
sehr offenen und fortschrittlichen Welt, auf viele negative Reaktionen.
Den Frauen, die sich für diesen Lösungsweg entscheiden wird von
dem Lebensumfeld häufig Gleichgültigkeit, Egoismus, Gefühlskälte
usw. unterstellt. Diese Meinungsbildung geschieht in der Regel pauschal,
oftmals ohne die individuelle Lebenssituation der Frau zu kennen.
Meine Erfahrungen als Fachkraft des Adoptionsdienstes sind andere: In den
meisten Fällen ungewollter Schwangerschaft handelt es sich um verantwortungsvolle
Frauen, die sich differenziert mit der Lebensperspektive des zu erwartenden
Kindes und ihrer individuellen Lebenssituation oder Notlage, unter Abwägung
alternativer Hilfsangebote, auseinander setzen.
Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigegeben haben können sich auch
nach Jahren immer wieder an die Adoptionsvermittlungsstelle wenden, um sich
nach dem Kind zu erkundigen. In vielen Fällen bekommen die leiblichen
Mütter durch die Adoptiveltern Bilder und/oder kleinere Entwicklungsberichte,
die über die Fachkraft anonym weitergeleitet werden. Das
Wissen darüber, dass sich die leibliche Mutter auch über die Jahre
hinweg nach dem Wohlergehen erkundigt hat, kann für das Adoptivkind
im Rahmen der Identitätsfindung eine positive Auswirkung haben.
In den zurückliegenden Jahren habe ich viele Kinder in Adoptivfamilien
vermittelt. Es ist schön zu sehen, mit wie viel Liebe und Fürsorge
diese Kinder umgeben werden und wie intensiv die Bindung und Beziehung zwischen
Eltern und Kinder gewachsen ist.